Interview NEUREUTER FAIR MEDIA mit Raimund Hosch, ehemaliger Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Berlin

NEUREUTER FAIR MEDIA (NFM):
Welche Erwartungen hat die Messe Berlin für die nächsten 12 Monate angesichts der Konjunkturlage? 


Raimund Hosch:
Die Messe Berlin erwartet für die zweite Jahreshälfte 2009 mit international bedeutenden Branchenereignissen wie ASIA FRUIT LOGISTICA, CMS Berlin – Cleaning Management Services, ITB ASIA und BOOT BERLIN sowie der Weltmesse IFA mit Consumer Electronics und Home Appliances einen guten Geschäftsverlauf. Dann startet das Jahr 2010 mit einem sehr umfangreichen Veranstaltungsprogramm, zu dem allein im ersten Halbjahr 18 viel versprechende Ereignisse gehören. Mit anderen Worten: Wir sehen dem Messejahr 2010 sehr positiv entgegen.

NFM:
Viele Aussteller überprüfen gegenwärtig die Effizienz ihrer Messebeteiligungen. Gehen die Unternehmen dabei rational genug vor?

Raimund Hosch:
Überwiegend prüfen ausstellende Unternehmen ihre Messebeteiligung äußerst gewissenhaft. Sie kennen die Bedeutung der Messe als kostengünstiges und sehr effektives Marketinginstrument gerade in absatzschwächeren Zeiten. Manchen Unternehmen wünschen wir mehr Mut zum offensiven Marketing, damit sie beim Durchstarten der Konjunktur wieder vorne mit dabei sind. Maßnahmen zwischen Costcutting im Kommunikationsbereich als kurzfristige Kostenreduzierungsmaßnahme und sinnvolles Marketinginvestment ist in Krisenzeiten bei vielen Unternehmen ein schmaler Grad. In der Tat sind Beteiligungen an Leitmessen aber ein unverzichtbarer Bestandteil, Marktchancen zu erhöhen, wenn andere Unternehmen sich vom Markt verabschieden.
Auf einer Leitmesse spiegelt sich die Marktsituation konzentriert wieder. Sie ist mehr Garant für die Platzierung im Markt als jedes andere Marketinginstrument. Die Marktdynamik zeigt sich jeweils auf der Leitmesse einer Branche.

NFM:
Immer wieder wird über den wachsenden weltweiten Messewettbewerb gesprochen. Welche Chancen geben Sie mittelfristig dem Standort Deutschland?

Raimund Hosch:
Der Messeplatz Deutschland ist weltweit am weitesten entwickelt, aber er ist ein gesättigter Messemarkt mit lokalen Eigentümerinteressen. So ist es teilweise sehr schwer, gemeinsam aufeinander abgestimmte Kooperationen erfolgreich umzusetzen, die angesichts neuer international wettbewerbsfähiger Messeplätze vor allem in Ostasien und Nordamerika sinnvoll wären. Die Messe Berlin hat sich im internationalen Geschäft mit vor Ort tätigen markt- und sachkundigen Partnern bei der ITB ASIA in Singapur und bei der ASIA FRUIT LOGISTICA in Hongkong positioniert. Mit dieser Markenstrategie werden unsere Messen gestärkt, die Mutterveranstaltungen in Berlin gefestigt und für unsere international tätigen Aussteller neue Märkte erschlossen.

NFM:
Wie positioniert sich Ihr Unternehmen im nationalen und internationalen Wettbewerb?

Raimund Hosch:
Die Messe Berlin ist mit einem Umsatz von rund 200 Millionen Euro im Jahr 2008 eine der zehn umsatzstärksten Messegesellschaften der Welt mit eigenem Messegelände. Sie verfügt auf dem innerstädtisch gelegenen Messegelände über 160.000 Quadratmeter Hallenfläche sowie über 100.000 Quadratmeter Freigelände. Damit ist sie die sechstgrößte Messegesellschaft Deutschlands. Mit ihrem breit gefächerten Messeprogramm wie IFA, FRUIT LOGISTICA, ITB; ILA, InnoTrans und Internationale Grüne Woche bietet sie jährlich zwischen 22.000 und 30.000 Ausstellern sowie mehr als zwei Millionen Besuchern hervorragende Chancen für Anbahnung und Vertiefung der Geschäftsverbindungen sowie erfolgreiche Vertragsabschlüsse. Durch die enge architektonische und organisatorische Verbindung des Messegeländes mit Europas größtem Kongresszentrum, dem ICC Berlin, bestehen optimale ausgezeichnete Möglichkeiten für die Kombination von Kongressen und Messen. Bei den großen medizinischen Kongressen ist die Messe Berlin mit Abstand Weltmarktführer. Mit behutsamen Investitionen in neue Märkte und Produkte wollen wir das Erreichte stetig ausbauen.

NFM:
Die führende Messe für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik, die IFA wird seit 3 Jahren jährlich austragen. Wie ist der Messe Berlin das gelungen?

Raimund Hosch:
Die Messe Berlin hat die IFA gemeinsam mit der gfu, der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik, in jahrzehntelangem Bemühen um die stets marktaktuelle Ausrichtung zu der internationalen Businessplattform gemacht, die die Aussteller und Fachbesucher sowie das Privatpublikum benötigten. Die Dynamik des Marktes sowie die Innovationszyklen der Branche verlangten geradezu nach einer jährlichen Durchführung der IFA. Damit schufen wir zugleich eine gute Grundlage für die Beteiligung der Home Appliances, der so genannten Weißen Ware, die durch die verstärkte Konvergenz der Märkte im vergangenen Jahr als logisch sinnvolle Ergänzung des Marktes hinzukam.

NFM:
Die Messe Berlin hat bereits ein umfangreiches Messeprogramm. Was tun Sie, um neue Messen zu entwickeln oder ist der Markt für Messethemen gesättigt?

Raimund Hosch:
In der Vielfalt des Berliner Messeportfolios liegt eine Chance und zugleich die Notwendigkeit, neue Messethemen aufzugreifen, Veranstaltungen zu entwickeln und dem Markt anzubieten. Die Märkte unserer Messepartner sind dynamisch. Die Messe Berlin unterstützt sie mit neuen Marketingplattformen. Unter dem Berliner Funkturm ist daher auch Raum für eine Reihe thematisch sehr spezialisierter Veranstaltungen wie conhIT, IT Profits und LinuxTag, die große Zukunftsperspektiven in sich tragen. Auch die Weltleitmesse des Tourismus, die ITB, sowie WASSER BERLIN und IMPORT SHOP BERLIN sind einst aus kleinen Messen hervorgegangen. Ebenso ist die FRUIT LOGISTICA, die „Mutter“ der ASIA FRUIT LOGISTICA, vor 16 Jahren als Teil aus der Internationalen Grünen Woche Berlin entwickelt worden und seit 2004 selbständig. Seit 2008 füllt sie mithin das ganze Messegelände in Berlin. Aber auch mit vollkommen anderen Messethemen wird Berlin als kreativste Hauptstadt im Zentrum Europas für neue Ideen beste Chancen bieten.

NFM:
Haben die realen Messen noch den gleichen Stellenwert angesichts virtueller Plattformen?

Raimund Hosch:
Das seit 2001 bestehende virtuelle Angebot der Messe Berlin ist ein Service zum Vorteil unserer Messepartner, das zugleich die reale Messeveranstaltung stärkt. Der Virtual Market Place ist bei unseren Ausstellern und deren Interessenten von hohem Interesse. Das zeigen die enormen Zahlen von über 48 Millionen Pageviews und 4,6 Millionen Visits innerhalb eines Jahres deutlich. Es ist zudem für die Messe Berlin kein Zuschussgeschäft, denn die Inhalte sind dem Partner etwas wert. Für den Kontakt unserer Marktpartner über die Laufzeit der realen Messe hinaus, an 365 Tagen im Jahr, ist der Virtual Market Place eine hervorragende Plattform für anhaltende Geschäftskontakte. Die unmittelbare Begegnung der Marktpartner auf der Messe, das reale Kommunikationsbedürfnis Menschen und Geschäftspartner direkt zu treffen, zu sprechen, Produkte anzufassen, zu erleben, wird der Virtual Market Place nie ersetzen.

NFM:
Welche Trends zeichnen sich in der Entwicklung von Messen generell ab?

Raimund Hosch:
Bei Messen in Berlin finden oft Diversifizierungen statt, die zu weiteren Messeveranstaltungen oder zu Ergänzungen durch thematisch verbundene Tagungsveranstaltungen führen. Allgemein zeichnet sich eine Verstärkung der Kommunikationsfunktion in fachlicher wie auch gesellschaftlicher Hinsicht ab. Darüber hinaus wächst auch das Bedürfnis nach mehr abwechslungsreicher Unterhaltung neben der anschaulichen Information während des Messebesuchs.

NFM:
Aufgrund unserer überregionalen Präsenz auf allen großen Messeplätzen erkennen wir seit einiger Zeit, dass es immer wichtiger wird, den Ausstellern und Besuchern neben dem klassischen Print-Katalog ein breites Angebots-Spektrum von Informationsmedien on- und offline zur Verfügung zu stellen. Wie sehen Sie die Zukunft der Print-Kataloge und der Online-Portale? Was erwarten Sie dabei von uns als Ihrem Dienstleister?

Raimund Hosch:
Die Möglichkeit der gezielten Online-Recherche nach Messepartnern auf dem Portal des Messeveranstalters ist ebenso notwendig wie die der allgemeinen Information über das Spektrum aller Aussteller. Die Nachfrage nach Katalogen und anderen klassischen Informationsmedien wird parallel trotz des wachsenden virtuellen Informationsangebots auch weiterhin bestehen bleiben.

NFM:
Also spannende Aussichten statt eines resignierten Blicks zurück?

Raimund Hosch:
Wir schauen zuversichtlich in die Zukunft und planen in den nächsten Jahren die Vergrößerung unseres Messegeländes um eine Halle mit rund 15.000 Quadratmetern. Wir glauben an die Zukunft mit einer Wiederkehr des Wachstums in den kommenden Jahren.

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