Interview NEUREUTER FAIR MEDIA mit Gerald Böse, Vorsitzender der Geschäftsführung der Koelnmesse

NEUREUTER FAIR MEDIA (NFM):
Das Kölner Messegelände ist mit 284.000 qm Hallen- und rund 100.000 qm Freifläche das viertgrößte der Welt und zählt nach der umfassenden Neugestaltung seit 2007 zu den attraktivsten in Europa. Profitieren Sie davon?


Gerald Böse:
Mehr als das! Ohne das Messegelände in seiner heutigen, kompakten Form, ohne die Flexibilität der neu errichteten Messehallen und ohne die umfassenden Verbesserungen der Infrastruktur, die auch die Basis für optimale Servicequalität ist, hätte die Koelnmesse definitiv den Anschluss an den Wettbewerb verloren. Mit diesem Gelände sind wir nun absolut in der Lage, in der Champions’ League des Messegeschäfts in Deutschland, Europa und Übersee zu spielen. In Verbindung mit der hervorragenden citynahen Lage, der exzellenten Verkehrsanbindung und einem Einzugsgebiet, das hinsichtlich Bevölkerungsdichte und Kaufkraft in Europa sonst kaum zu finden ist, stärkt diese Konstellation unsere Wettbewerbsposition ganz enorm.

NFM:
Will sich die Koelnmesse zukünftig auch mit internationalen Metropolen wie Paris und Mailand, die über noch größere Messekapazitäten verfügen, messen?


Gerald Böse:
Es ist nicht die Frage, ob wir das wollen: Dieser Wettbewerb hat längst begonnen, und er wird zunehmend härter. Die großen Messegesellschaften in Deutschland, das nach wie vor Messeland Nummer 1 auf der Welt ist, stehen da an vorderster Stelle. Paris und Mailand sind nur zwei starke Standorte in Europa, es gibt weitere, beispielsweise auch in Spanien oder Russland. In Asien sind zudem eine ganze Reihe neuer Gelände entstanden, die alle Anforderungen an das Messegeschäft erfüllen. Moderne Messeareale wie in Köln sind somit nur die Basis für ein erfolgreiches Geschäft. Entscheidend ist letzten Endes, ob es gelingt, die Märkte abzubilden, die richtigen Aussteller und Besucher zusammenzuführen und allen Beteiligten Plattformen in den für sie und ihre Branchen relevanten Märkten zu bieten.

NFM:
Die Koelnmesse hat z.B. mit photokina, Anuga, Intermot, imm cologne und weiteren internationalen Veranstaltungen zahlreiche Großmessen auf ihrem Gelände. Welche Bedeutung haben solche Großmessen für Ihr Geschäft?


Gerald Böse:
Ihre Bedeutung ist immens, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zum einen bedeuten natürlich hohe Ausstellerbeteiligung und Besucherresonanz auch entsprechende Einnahmen. Zum anderen sind die großen internationalen Leitmessen am Standort Köln auch die Basis, unsere Messethemen in die wichtigen Auslandsmärkte zu bringen. Eine Anuga in Köln steht für unsere Kompetenz bei nahezu allen Themen der Ernährungswirtschaft. Deshalb gehen unsere Kunden auch mit uns zum Beispiel nach China oder Indien. Nur so können wir erfolgreich auch Satelliten wie die World of Food China in Shanghai, die World of Food India in Mumbai oder die World of Food Asia in Bangkok veranstalten.


NFM:
Die führende Messe der Gamesindustrie und interaktiven Unterhaltungsbranche gamescom wird ihre zentrale Branchenplattform ab 2009 jährlich am Messestandort Köln austragen. Wie ist der Koelnmesse das gelungen?


Gerald Böse:
Die schon geschilderten Standortvorteile, insbesondere die Infrastruktur und das Potenzial des Einzugsgebiets waren sicher ausschlaggebend. Natürlich nicht allein: Wir haben die Branche offensichtlich mit dem besten Konzept überzeugt und uns so gegen eine Reihe hochkarätiger Mitbewerber durchgesetzt.


NFM:
Welche Auswirkung hat das auf den Wettbewerb unter den inländischen Messegesellschaften?


Gerald Böse:
Den Wettbewerb gibt es und er nimmt an Schärfe weiter zu. Das wird auch immer wieder zum Standortwechsel einzelner Branchen führen. Dass dies dann auch in der jeweiligen Branche und der Öffentlichkeit diskutiert wird, ist ein Teil unserer Mediengesellschaft. Wir haben durch die Entscheidung der Gamesindustrie pro Köln dazu nicht über Gebühr beitragen.

NFM:
Die Koelnmesse hat bereits ein umfangreiches Messeprogramm. Was tun Sie, um neue Messen zu entwickeln oder ist der Markt für Messethemen gesättigt?


Gerald Böse:
Der Markt ist nicht gesättigt, das Themenspektrum ist aber weitgehend definiert, und es liegt an jedem einzelnen Veranstalter, „seinen“ Markt auszubauen. Ich halte es für wesentlich, sich umfassende Branchenkompetenz für wichtige Wirtschaftszweige zu erarbeiten und diese Bereiche möglichst komplett abzudecken. In Köln gilt das etwa für das Einrichtungssegment oder besser Interior Furniture Design, das wir mit der imm cologne, der Orgatec, der spoga, der Kind + Jugend und den interzum-Veranstaltungen in Köln, Guangzhou und Moskau bedienen. Es gilt gleichermaßen für das Thema Ernährung und zunehmend auch für den Bereich IT und Digital Entertainment.

NFM:
Welche Erwartungen hat die Koelnmesse für das Jahr 2009 angesichts der Konjunkturlage?


Gerald Böse:
Dieses Jahr ist mit 83 Messen und Ausstellungen weltweit das veranstaltungsreichste in der Geschichte der Koelnmesse. Darunter sind etliche Flaggschiffe des Unternehmens wie zum Beispiel die größte und bedeutendste Ernährungsmesse der Welt, Anuga. Daher gehen wir mit Zuversicht in dieses Jahr. Sicher wird es auch Absagen von Ausstellern geben, aber die Unternehmen wissen: Messen ermöglichen den Teilnehmern gerade jetzt, sich erfolgreich zu positionieren, denn sie wirken auf Märkte wie Leuchttürme. Sie geben Orientierung und Sicherheit und sind gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die ideale Plattform, um sich am Markt zu behaupten.

NFM:
Fast alle Branchen stürzen sich derzeit auf Asien, insbesondere auf Indien und China. Sind diese Märkte auch für Messegesellschaften besonders interessant?


Gerald Böse:
Selbstverständlich – Messen sind ein Spiegel der Märkte, und wenn die Märkte in China und Indien wachsen, dann müssen die Messen nicht nur dabei sein, sondern die Spitze der Bewegung bilden. China und Indien verzeichnen seit Jahren hohe Wachstumsraten, die Kaufkraft steigt und mit ihr die Nachfrage nach Konsumgütern wie auch indirekt nach Investitionsgütern. Messen sind nach meiner Überzeugung der direkteste Weg, diese Bedürfnisse zu befriedigen.

NFM:
Die Koelnmesse hat bereits einige Veranstaltungen wie die China Int. Hardware Show ins Ausland gebracht. Welche Erfahrungen wurden dabei gemacht?


Gerald Böse:
Während die Leitmessen in Köln schon immer höchst international ausgerichtet waren, ist die Koelnmesse mit ihrem Auslandsgeschäft, das heißt: Veranstaltung eigener Messen vor Ort, relativ spät gestartet. Wir haben aufgeholt und veranstalten nicht nur im Hardwarebereich, sondern beispielsweise auch im Ernährungssegment vielfach die führenden Messen der betreffenden Region. Unsere Strategie heißt: Wir betreiben keine eigene Infrastruktur, sondern transportieren unsere Kernthemen in die jeweiligen Länder. Dazu sind zwei wesentliche Voraussetzungen unabdingbar. Eine eigene Vertriebsstruktur vor Ort und die Kooperation mit regionalen Partnern. So haben wir dort, wo wir im Ausland Messen veranstalten, auch eigene Tochtergesellschaften gegründet. Und wir arbeiten sowohl mit lokalen Messegesellschaften als auch mit den wichtigsten Verbänden der jeweiligen Branchen eng zusammen.

NFM:
Aufgrund unserer überregionalen Präsenz auf allen großen Messeplätzen erkennen wir seit einiger Zeit, dass es immer wichtiger wird, den Ausstellern und Besuchern neben dem klassischen Print-Katalog ein breites Angebots-Spektrum von Informationsmedien on- und offline zur Verfügung zu stellen. Wie sehen Sie die Zukunft der Print-Kataloge und der Online-Portale? Was erwarten Sie dabei von uns als Ihrem Dienstleister?


Gerald Böse:
Von unseren Dienstleistern erwarten wir, dass sie die neuesten Entwicklungen nicht nur im Programm haben, sondern uns auch frühzeitig auf entsprechenden Handlungsbedarf hinweisen und uns bei der Umsetzung unterstützen. Dass alle relevanten Informationen auch online und auf digitalen Datenträgern verfügbar sein müssen, steht fest. Diese Informationen müssen leicht zu finden und abzurufen sein, darüber hinaus wird es auch immer wichtiger, die wesentlichen Dienstleistungen direkt online buchen zu können. Print-Produkte werden aber keineswegs aussterben. Die schnelle Information vom Papier, das man in die Hallen mitnimmt, wird auch in Zukunft unverzichtbar bleiben.

© 2014-2016 NEUREUTER FAIR MEDIA GmbH. All rights reserved.