Interview NEUREUTER FAIR MEDIA mit Egon Galinnis, Geschäftsführer der Messe Essen

NEUREUTER FAIR MEDIA (NFM):
Welche Erwartungen hat die Messe Essen an das Jahr 2010 angesichts der Konjunkturlage und des Kulturhauptstadtjahres?


Egon Galinnis:
Essen als Bannerträger des Kulturhauptstadtjahres für die gesamte Region mit 53 Städten steht natürlich in diesem Jahr in einem besonderen Fokus. Die hat glücklicherweise vor allem auf unser Kongressgeschäft positiven Einfluss. So sind gleich mehrere große Tagungen und Kongresse speziell wegen des Kulturhauptstadtjahres nach Essen gekommen. So wie kürzlich der Deutsche Nationale Marketing-Juniorentag oder im Frühsommer der Weltwasserstoffkongress oder die Jahrestagung des Deutschen Journalistenverbandes. Unsere Kunden sind neugierig, was sich in dieser Region tut. Auch auf das Messegeschäft hat der Hauptstadttitel Einfluss. Zwar haben wir deswegen keine neue Messen, doch auch hier spüren wir, dass man auf Essen aufmerksamer geworden ist. Das umfangreiche Kulturprogramm bietet vielfältige Möglichkeiten, nach einem langen Messetag etwas Abwechselung zu erleben. Daher informieren wir unsere Gäste zu den Messen über aktuelle Programm-Highlights.

NFM:
Viele Aussteller überprüfen gegenwärtig die Effizienz ihrer Messebeteiligungen. Gehen die Unternehmen dabei rational genug vor und wie wirkt sich das auf Ihre Veranstaltungen aus?


Egon Galinnis:
Das Marketing-Instrument Messe ist nach wie vor eines der wichtigsten, wie ja auch die aktuellen AUMA-Umfragen bestätigen. Daher wird eine gute Messe nicht generell hinterfragt. Aber durch die wirtschaftlich schwierigen Rahmenbedingungen versuchen natürlich auch einige Aussteller zu sparen. Zum einen dadurch, dass B- oder C-Messen nicht mehr belegt werden oder zum anderen die Standgröße reduziert wird. Erfreulicherweise sind aber bei unseren marktführenden B2B-Messen auch Standvergrößerungen zu beobachten. Also verhalten sich die meisten Aussteller durchaus rational. Falsch wäre aber sicher, wenn Unternehmen ihre Messeaktivitäten einstellen würden. Das Fehlen auf den wichtigsten Kontaktbörsen rächt sich. Wenn Sie ein Jahr bei der Leitmesse aussetzen, sind Sie zwei Jahre für die Branche mehr oder weniger „unsichtbar“.

NFM:
Immer wieder wird über den wachsenden weltweiten Messewettbewerb gesprochen. Welche Chancen geben Sie mittelfristig dem Standort Deutschland?


Egon Galinnis:
Der Messeplatz Deutschland hat auch in den letzten Jahren seine Position gut behaupten können. Dies liegt vor allem an den sehr guten und oft traditionsreichen Projekten und der hohen Servicequalität zu vergleichweise günstigen Preisen. Deutsche Messen sind international „gelernt“. Gleichwohl haben sich in den vergangen Jahren vor allem in Asien Messeplätze und damit auch Messen unglaublich entwickelt. Auch wir veranstalten in China, Indien und den Arabischen Emiraten Tochterveranstaltungen unserer wichtigen Fachmessen, um dort die Themen zu besetzen und unseren Kunden den Weg in die wachstumsstarken Exportmärkte zu erleichtern. So ist beispielsweise die Beijing Essen Welding in China als Ableger unserer Weltleitmesse Schweißen & Schneiden mittlerweile nach dem „Mutter-Event“ die zweitgrößte Veranstaltung dieser Branche geworden.

NFM:
Wie positioniert sich Ihr Unternehmen im nationalen und internationalen Wettbewerb?


Egon Galinnis:
Neben unserer zentralen Lage in einer der wirtschaftlich stärksten Regionen Europas bieten unsere etablierten Messeprodukte die Themenführerschaft und unseren Kunden erprobte Effizienz. Dazu kommt, dass wir noch den persönlichen Kontakt zum Kunden pflegen und eine hohe personelle Konstanz der Ansprechpartner seit Jahren gewährleistet haben. Somit sind wir ein verlässlicher Marktpartner mit ausgeprägter Service-Kultur.

NFM:
Sie haben nach eigenen Angaben 13 internationale Leitmessen in Ihrem Veranstaltungsportfolio. Welches sind Ihre stärksten Zugpferde und wie sehen Sie insbesondere die mittelfristige Entwicklung Ihrer jährlichen Veranstaltungen Internationale Pflanzenmesse (IPM) und Essen Motor Show?


Egon Galinnis:
In der Tat haben wir für einen Messeplatz unserer Größe einige Trümpfe im Köcher. Denken Sie an die bereits erwähnte Weltleitmesse Schweißen & Schneiden, die Reifen, die Security, die E-world of energy & water oder eben auch die IPM. Letztere hat im Januar diesen Jahren abermals neue Rekordmarken bei den Ausstellerzahlen gesetzt und ist der Treffpunkt der grünen Branche. Die IPM wird immer internationaler, was unter anderem auch den in den letzten Jahren etablierten Auslandsablegern in China und Dubai verdanken. Die Essen Motor Show hat gegenwärtig wie alle Automobilmessen bedingt durch die Wirtschaftskrise mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Wir begreifen die Krise als Chance und repositionieren die Veranstaltung rund um die ursprüngliche Keimzelle „autmobile Sportlichkeit“, um sie einzigartig zu machen. Mit den vier Säulen sportliche Automobile, Motorsport, Tuning und sportlichen Classic Cars und Youngtimern wollen wir wieder mehr Schwung aufnehmen. Wir stellen den Erlebnischarakter für unserer Besucher weiter heraus und werden in diesem Jahr neben der schon legendären Motorsport-Arena in Halle 6 zum Auftakt der Essen Motor Show ein Outdoor-Event am Messegelände schaffen.

NFM:
Die Messe Essen hat ein großes Messeprogramm. Was tun Sie, um neue Messen am Standort zu entwickeln bzw. bestehende Messemarken ins Ausland zu exportieren?


Egon Galinnis:
Wie bereits beschrieben, exportieren wir unsere Erfolgsmarken schon seit einiger Zeit. Bereits 1987 haben wir mit der Beijing Essen Welding den Sprung ins Reich der Mitte gewagt und waren damit die ersten Deutschen Messeveranstalter in China. Die Internationalisierungsstrategie haben wir in den vergangen Jahren weiter vorangetrieben und werden sie noch weiter intensivieren. Mittlerweile haben wir Ableger der Reifen, der Security, der IPM und eben der Schweißen & Schneiden vor allem in Asien platziert.
Nach der erfolgreichen Neuentwicklung der E-world und der World of Parishables in Dubai arbeiten wir auch konsequent an Produktentwicklungen im B2B-Bereich. In diesem Jahr hatten wir mit einer Angelsportmesse im Rahmen der Reise & Camping eine Premiere, nachdem wir vor Jahren mit der Fahrrad mit der gleichen Vorgehensweise gestartet sind. Recht neu ist auch die Patienta, mit der wir auf dem Gesundheitsmarkt gestartet sind.

NFM:
Haben die realen Messen noch den gleichen Stellenwert angesichts virtueller Plattformen?


Herr Galinnis:
Ich sehe das Internet immer noch als gute Ergänzung zur realen Messe. Auch mit der höchsten Datenbandbreite kann eine virtuelle Messe nicht der persönliche Begegnung von Menschen ersetzen. In so fern bietet das Internet tolle Möglichkeiten, Messebesucher vorzubereiten oder nach Messebesuchen ergänzende Informationen einzuholen. Die Bedeutung als Matchmaking-Instrument zur Vermittlung von Aussteller-Besucherkontakten im Vorfeld der Messe wird steigen, um die Messe selbst effizienter zu gestalten. Also ergänzen sich Internet und Messe sehr gut.

NFM:
Welche Trends zeichnen sich in der Entwicklung von Messen generell ab?


Egon Galinnis:
Nicht nur wegen der Globalisierung der Welt werden die Messen im B2C-Bereich sowohl von der Ausstellerstruktur, als auch von der Besucherstruktur zunehmend internationaler. Gleichzeitig wird die Messevorbereitung immer professioneller und – nicht zuletzt durch den allgemeinen Kostendruck getrieben – auf mehr Effizienz ausgerichtet. Etablierte Produkte werden ihren Weg weiter gehen, B- oder C-Messen werden schrumpfen oder gar verschwinden. Im B2C-Bereich wird der Erlebnischarakter einer Veranstaltung weiter an Bedeutung gewinnen, um Besucher anzulocken. Hier müssen alle Veranstalter noch gewaltige Anstrengungen unternehmen. Und das Internet wird künftig zwischen den Messen eine Klammer zum Kunden bilden und eine ganzjährige Kommunikationsplattform werden.

NFM:
Aufgrund unserer überregionalen Präsenz auf allen großen Messeplätzen erkennen wir seit einiger Zeit, dass es immer wichtiger wird, den Ausstellern und Besuchern neben dem klassischen Print-Katalog ein breites Angebots-Spektrum von Informationsmedien on- und offline zur Verfügung zu stellen. Wie sehen Sie die Zukunft der Messemedien und was erwarten Sie dabei von uns als Dienstleister?


Egon Galinnis:
Sicher bieten die neuen Technologien weit mehr Möglichkeiten, als ein gedruckter Katalog, der aber nach wie vor seine Berechtigung hat. Um – wie eben beschrieben – ein ganzjähriger Kommunikationsdienstleister zu sein, kann Online als schnelles Medium ohne große Produktions- und Distributionskosten neue Impulse setzen. Online und Print werden sich also immer weiter ergänzen. Die Euphorie über Social Media wie Twitter oder Facebook kann ich persönlich noch nicht ganz nachvollziehen, aber auch diese Themen wird man weiter beobachten müssen. Entscheidend ist aber nicht die Masse der Nachrichten, sondern die Qualität, die Relevanz und die Glaubwürdigkeit. Weniger kann manchmal auch mehr sein. Von unseren Service-Dienstleistern erwarten wir effiziente Lösungen mit realem Kundennutzen und keine technikverliebten Spielereien.

NFM:
Also spannende Aussichten statt eines resignierten Blicks zurück?


Egon Galinnis:
Wir blicken verhalten optimistisch in die Zukunft. Der überwiegend positive Verlauf unserer bereits 14 Veranstaltungen im ersten Quartal 2010 und die meistenteils gute Stimmung unserer Aussteller lässt uns hoffen, auch wenn der Blick in die Zukunft für uns alle noch mit Unsicherheit verbunden ist. Also: Die Ärmel bleiben hochgekrempelt.

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